
Komplexität reduzieren. Bürokratie abbauen. Ressourcenverschwendung verringern.

Hospitation als Verwaltungsrätin bei der casusQuo GmbH
Ein Gastbeitrag von Nicole Müller-Coonan
Als Verwaltungsrätin der casusQuo GmbH und Vorständin der MAHLE Betriebskrankenkasse erlebe ich täglich die Spannungsfelder unseres Gesundheitssystems: steigende Kosten, wachsende regulatorische Anforderungen und ein enormer administrativer Aufwand auf allen Seiten. Deshalb habe ich ein besonderes Interesse daran, dass die Schnittstelle in der Krankenhausabrechnungsprüfung effizient, erfolgreich und zukunftsfähig gestaltet wird. Wer mich kennt, weiß: Ressourcenverschwendung ertrage ich nur schwer. Der Abbau von Bürokratie und unnötiger Komplexität im Gesundheitswesen ist für mich ein echtes Herzensthema. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der solidarischen Krankenversicherung und um einen verantwortungsvollen Umgang mit den Beiträgen unserer Versicherten und Arbeitgebenden.
Um mich noch intensiver in die Thematik einzuarbeiten und die operativen Prozesse besser zu verstehen, habe ich im Mai 2026 zwei Tage lang bei casusQuo in Hannover hospitiert. Dabei ging es mir insbesondere darum, Prozesse nicht nur aus der Perspektive der Kostenträger zu betrachten, sondern dort hinzuschauen, wo Abrechnungsrealität tatsächlich stattfindet. Diese Zeit hat mir wertvolle Einblicke gegeben. Vor allem aber habe ich gesehen, wie viel Potenzial wir noch haben, um Abrechnungsprüfung effizienter, transparenter und partnerschaftlicher zu gestalten.
Besonders auffällig war für mich die enorme Komplexität der Erörterungsverfahren. Dokumentationen der Krankenhäuser sind häufig unstrukturiert aufgebaut, medizinische Sachverhalte werden unterschiedlich dargestellt, und relevante Informationen müssen mühsam zusammengesucht werden. Viel Aufwand, nicht nur für Krankenkassen und Dienstleister, sondern ebenso für Krankenhäuser und Medizinische Dienste (MD).
Hinzu kommt, dass Medizinische Dienste regional teilweise sehr unterschiedlich arbeiten. Prüfmaßstäbe, Dokumentationstiefen und Interpretationen variieren spürbar. Für alle Beteiligten bedeutet das Unsicherheit, Mehrarbeit und unnötige Reibungsverluste.
Miteinander ins Gespräch kommen
Die Konsequenz daraus kann aus meiner Sicht nur sein: Wir müssen stärker miteinander ins Gespräch kommen. Krankenkassen, Medizinische Dienste, Krankenhäuser und spezialisierte Abrechnungsdienstleister dürfen nicht länger in parallelen Strukturen arbeiten. Ziel muss eine gemeinsame, standardisierte Vorgehensweise sein. Wir brauchen klare Dokumentationsanforderungen, nachvollziehbare Prüfprozesse und digitale Standards.
Die Hospitation hat außerdem gezeigt, dass sich viele Abrechnungsfehler immer wieder auf dieselben Themen konzentrieren. Besonders häufig betroffen sind Fragen der Verweildauer sowie Beatmungsfälle. Gerade hier entstehen hohe Prüfaufwände und komplexe Diskussionen, die vermeidbar wären, wenn Prozesse und Regelwerke einfacher und konsistenter gestaltet würden.
Gleichzeitig erleben wir derzeit eine zunehmende Parallelität unterschiedlicher Vergütungssysteme: klassische DRG, Hybrid-DRGs und ambulante Abrechnungsvorschriften existieren nebeneinander. Diese doppelten und teilweise widersprüchlichen Strukturen schaffen nicht nur zusätzliche Bürokratie, sondern eröffnen leider auch neue Möglichkeiten, Abrechnungsprinzipien gezielt zu umgehen oder auszunutzen.
Besonders kritisch wird es dort, wo die Versorgung selbst unter Fehlanreizen leidet. Magen- und Darmspiegelungen können z.B. aufgrund der Abrechnungsvorschriften nicht gemeinsam abgerechnet werden. Deshalb werden Patientinnen und Patienten zu zwei separaten Terminen einbestellt, obwohl eine gemeinsame Durchführung medizinisch sinnvoller und für Patientinnen und Patienten deutlich schonender wäre. Das Ergebnis: unnötige Arzt-Patienten-Kontakte, zusätzliche Bürokratie und vermeidbarer Ressourcenverbrauch.
Wir müssen den Mut haben, bestehende Regelwerke kritisch zu hinterfragen. Nicht jede Komplexität schafft Qualität. Oft verhindert sie sowohl effiziente und patientenfreundliche Versorgung als auch einen verantwortungsvollen Einsatz von Ressourcen.
Die Zusammenarbeit mit der casusQuo GmbH zeigt mir, dass echte Verbesserungen nur gelingen, wenn operative Erfahrung, medizinisches Verständnis und systemische Verantwortung zusammenkommen. Genau darin liegt die Chance: weniger Bürokratie, mehr Standardisierung und eine Abrechnungsprüfung, die fair, nachvollziehbar und effizient funktioniert – im Interesse aller Beteiligten und vor allem im Sinne der Patientinnen und Patienten.
Mein besonderer Dank gilt Britta Baumann von casusQuo, die mich in diesen Tagen intensiv begleitet hat. Gemeinsam haben wir Erfahrungen zusammengetragen, praxisnahe Anknüpfungspunkte identifiziert und konkrete Ansätze für effizientere Abläufe entwickelt. Aber auch den weiteren Kolleginnen und Kollegen, vor allem Alexander Müller, Irina Senger und Sabrina Tepper, sage ich: Danke für Ihre großartige Arbeit und Ihre Leidenschaft und Sorgfalt im Umgang mit den Geldern unserer Versicherten und Arbeitgebenden.
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